Projekte | 10.02.2026

Kalle Neuköln – Transformation statt Abriss, vom Kaufhaus zum urbanen Kosmos

Der Entwurf von Architekt Max Dudler bricht das große Volumen in zwei „Geschwisterbauten“. © Fotografie: Koy+Winkel
Mit Kalle Neukölln ist in Berlin ein Beispiel für nachhaltige Revitalisierung entstanden. Das ehemalige, in den 1970er-Jahren errichtete Karstadt-Kaufhaus an der Karl-Marx-Straße wurde nicht abgerissen, sondern für rund 200 Millionen Euro umfassend saniert. Die Tragstruktur blieb weitgehend erhalten, nur etwa 3.500 Quadratmeter wurden neu errichtet. So konnten ein großer Teil der grauen Energie bewahrt und die baubedingten CO₂-Emissionen deutlich reduziert werden.
Text: Diana Krüger | BIV

Das Haus steht exemplarisch für die Entwicklung deutscher Warenhäuser. Jahrzehntelang war es ein Ort des Konsums, dann ein „Schnäppchen-Center“, später stand es fast leer. Künstlerkollektive, Street-Art-Formate und Festivals sorgten in dieser Zeit dafür, dass das Gebäude nicht völlig aus dem Bewusstsein des Kiezes verschwand. Dennoch war klar: Es muss grundlegend transformiert werden. Die Maruhn Real Estate Investment GmbH nahm die Herausforderung an und entschied sich für einen schwierigen, aber nachhaltigen Weg: kein Abriss, sondern eine umfassende Sanierung und Umnutzung.

Die Fassade besteht aus rund 200 großformatigen Betonelementen | © Fotografie Koy + Winkel

Architektur mit Haltung

Für die Neugestaltung der Fassaden und das architektonische Konzept zeichnet Max Dudler verantwortlich. Seine Haltung ist bestimmt von der Idee, Stadt durch Ordnung, Struktur und Materialität zu prägen, ohne in Spektakel zu verfallen. Dudlers Entwurf gliedert den großen Baukörper in zwei Fassadenteile: einen mit vertikalen und einen mit horizontalen Betonreliefs. Dadurch entsteht eine plastische Tiefenwirkung. Die Fassaden spielen mit dem Tageslicht und erinnern an lokale historische Vorbilder, etwa an die Fassade des Stadtbads Neukölln auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Rund 200 großformatige Elemente aus Architekturbeton formen die neue Fassade. Ihre grob sandgestrahlten Oberflächen verleihen dem Material eine steinartige Struktur. Besonders anspruchsvoll zu realisieren waren die U-Profile. Millimetergenau mussten diese in die Räume zwischen den bestehenden Balkonen eingepasst werden. Dies erforderte höchste Präzision in der Fertigung und besonderes Geschick bei der Montage.

Im Inneren wurde das einst hermetische Kaufhaus geöffnet. Große Einschnitte, ein Atrium und ein Wintergarten bringen Licht tief ins Gebäude. Neue Blickbeziehungen und offene Raumfolgen schaffen Transparenz. Damit wurde aus einer massiven Großstruktur ein durchlässiger Baukörper, der Kommunikation und Begegnung fördert.

Die Fassade besteht aus rund 200 großformatigen Betonelementen | © Fotografie Koy + Winkel

Transformation statt Abriss

Besonders nachhaltig war die Entscheidung, das Haus nicht abzureißen, sondern zu transformieren. Tragstruktur und Treppenhäuser blieben erhalten, nur etwa 3.500 Quadratmeter wurden neu errichtet. Der Großteil der Flächen wurde aus dem Bestand heraus neu geordnet und auf heutige Anforderungen hin angepasst. Dadurch konnten erhebliche Mengen an grauer Energie eingespart und CO2-Emissionen reduziert werden.

Für das Projekt wird daher eine LEED-Gold-Zertifizierung angestrebt. Beton trägt zur hohen Nachhaltigkeit bei: Er ist langlebig, witterungsbeständig, vielfach recyclingfähig und durch die Vorfertigung besonders effizient. Zudem bietet er gestalterische Freiheit und ermöglicht bei industrieller Herstellung eine für anspruchsvolle Projekte essenzielle Qualitätssicherung.

Architekturbeton grob sandgestrahlt, was dem Beton eine kräftige, mineralische Anmutung verleiht | © Fotografie Koy + Winkel

 Nutzungskonzept: ein Haus für alle

Kalle Neukölln umfasst rund 40.000 Quadratmeter Nutzfläche. In den oberen Geschossen entstanden flexible Büros für etwa 4.000 Arbeitsplätze. Im Erdgeschoss befindet sich ein 6.000 Quadratmeter großer Foodmarket. Hinzu kommen 4.000 Quadratmeter für den Einzelhandel. Herzstück ist ein 500 Quadratmeter großer, öffentlich zugänglicher Wintergarten, der als Treffpunkt und Veranstaltungsort dient. Das Highlight ist der 4.000 Quadratmeter große Dachgarten mit Restaurants, Bars und Gewächshäusern.

Sprich: Wo zuvor ein in die Jahre gekommenes Kaufhaus stand, ist ein Ort für Arbeit, Kultur und Freizeit entstanden. Damit ist Kalle Neukölln ein Beispiel dafür, wie Architekturbeton, präzise Vorfertigung und ein klarer Entwurf ein bestehendes Gebäude grundlegend erneuern können. Das Projekt verbindet Nachhaltigkeit mit städtebaulichem Mehrwert und beweist, dass Weiterbauen mit Beton eine zukunftsfähige Alternative zum Abriss ist.

Info

Bauen im Bestand – mit Beton aus der Vorfertigung
Kalle Neukölln – Umnutzung mit hoher Einsparung bei grauer Energie
Nur ca. 3.500 m² Neubau, der Großteil entstand aus der vorhandenen Struktur
Erhalt der Tragstruktur mit gezielten Einschnitten für Licht, Luft und Offenheit
Fassade aus rund 200 sandgestrahlten Architekturbetonteilen
LEED-Gold-Zertifizierung angestrebt als Qualitätsnachweis für nachhaltiges Bauen

Autorin | Ansprechpartnerin:

Diana Krüger Dipl.-Ing.(FH)
E-Mail: betonbauteile@biv.bayern